Nicht-Binär

Es gibt mehr als zwei Geschlechter. Das war schon immer so. Menschen, die weder (nur) Mann, noch (nur) Frau sind, benutzen ganz unterschiedliche Begriffe für sich. Eine Bezeichnung, die häufig verwendet wird, ist „nicht-binär“.

Was bedeutet nicht-binär? Und was hat das mit Männlichkeit und Weiblichkeit zu tun?

Geschlechtsidentität: Nicht-binär

Nicht-Binär ist eine von vielen Selbstbezeichnungen von Menschen, die weder (nur) männlich noch (nur) weiblich sind. Weitere Begriffe sind zum Beispiel non-binary, genderqueer, agender, trans* oder genderfluid. Nicht-Binarität kann heißen, sich ein bisschen weiblich und ein bisschen männlich zu erleben, oder weder weiblich noch männlich. Einige Menschen identifizieren sich mit gar keinem Geschlecht und bezeichnen sich als agender. Der Begriff genderfluid meint meist eine fluide Geschlechtsidentität, die sich also im Laufe des Lebens verändert. Der Begriff trans* kann ganz Unterschiedliches bedeuten: Manche nicht-binäre Personen bezeichnen sich auch als trans*. Es gibt außerdem binäre trans* Personen – also trans* Männer und trans* Frauen. Mehr dazu hier.

Das ist nur eine kleine Auswahl. Es gibt noch viele weitere Begriffe und Geschlechtsidentitäten aus dem nicht-binären Spektrum.

Mehr dazu, was es bedeutet, nicht-binär zu sein, gibt es hier zu lesen.

Nicht-binär, männlich und weiblich

Viele Menschen lernen, dass es nur zwei Geschlechter gäbe: Männer und Frauen. Wir lernen außerdem, dass Frauen sich weiblich fühlen und präsentieren, „weibliche“ Interessen und Fähigkeiten haben sollen. Das Gleiche gilt für Männer, die sich männlich fühlen und präsentieren sollen. Doch ganz so einfach ist es nicht, denn Menschen sind vielfältig, haben ganz unterschiedliche Wünsche, Vorstellungen, Interessen und Fähigkeiten und auch ein ganz unterschiedliches Verständnis davon, was ihr Geschlecht eigentlich ist. Hier gibt es mehr Infos zum Thema Geschlechterrollen.

In anderen Regionen dieser Welt und zu anderen Zeiten gab und gibt es mehr als zwei anerkannte Geschlechter: zum Beispiel Two-Spirit Menschen in den indigenen Bevölkerungen der Amerikas, Hijra in Südasien, und Fa’afafine in Samoa. Geschlecht war schon immer und ist auch heute vielfältig. Und das ist auch gut so! Die Behauptung, Geschlechtervielfalt sei ein Trend, ist Quatsch.

Erwartungen an nicht-binäre Menschen

Es gibt in Deutschland inzwischen zwar offiziell das dritte Geschlecht „divers“ zusätzlich zu „männlich“ und „weiblich“. Trotzdem werden in den meisten Bereichen unserer Gesellschaft immer noch nur zwei Geschlechter mitgedacht. Das heißt für alle Personen, dass von ihnen erwartet wird, sich einem der zwei dominanten Geschlechter „Mann“ oder „Frau“ eindeutig zugehörig zu fühlen und sich auch dementsprechend zu verhalten. Das gilt vor allem für das Auftreten nach außen – also wie sich Personen kleiden, welchen Hobbys sie nachgehen, wie sie lachen oder sprechen, welche Frisuren sie tragen,… Das ist für alle Menschen einschränkend – auch und besonders für nicht-binäre Personen.

Nicht-Binarität ist vielen Menschen fremd, sie reagieren abwertend und diskriminierend auf nicht-binäre Personen. Deshalb erleben nicht-binäre Menschen oft verletzende Sprüche, Gewalt und Drohungen – besonders, wenn sie von außen nicht zweifelsfrei als entweder „typisch männlich“ oder „typisch weiblich“ gelesen werden. Das ist aber nur die Spitze des Eisbergs. Oft wird so getan, als gäbe es keine nicht-binären Personen: Sie kommen nicht in Geschichten vor, werden nicht angesprochen und es wird auch nicht über sie gesprochen. Auch das ist Diskriminierung.

Nicht-binäre Personen müssen oft eine Wahl treffen, ob sie sich zeigen und damit eventuell auch gefährden, oder ob sie sich an die zweigeschlechtliche Norm anpassen.

Eine Umgangsstrategie mit diesem gesellschaftlichen Druck ist es, sich Orte und Gruppen zu suchen, in denen Nicht-Binarität anerkannt wird und in denen andere nicht-binäre Personen sind. Sich mit der eigenen Community zu vernetzen und gegenseitig zu stärken, ist enorm wichtig!

Queere Räume

Wir verwenden für solche Gruppen und Orte unter anderem den Begriff „queere Räume“. Diese Räume sind unglaublich wichtig für nicht-binäre Personen und alle anderen, die nicht heterosexuell, cisgeschlechtlich und/oder endogeschlechtlich sind. Viele können in diesen Räumen zum ersten Mal zeigen, wer und wie sie wirklich sind. Sie können einander kennenlernen, sich über geteilte Fragen und Erfahrungen austauschen, sich gegenseitig unterstützen und all das Schöne und Bestärkende an queeren Identitäten und Lebensweisen feiern. Das ist großartig!

Allerdings gibt es auch in diesen Räumen und Gruppen Vorstellungen davon, wie nicht-binäre Personen sein sollen. Auch hier konzentrieren sich die Anforderungen oft auf den Körper und Äußerlichkeiten. Manche nicht-binäre Personen erzählen, dass sie mit der Erwartung konfrontiert werden, uneindeutig zu sein. Das bedeutet, sie sollen sich äußerlich unterscheiden von dem Geschlecht, das ihnen bei der Geburt zugewiesen wurde, und den damit verbundenen Erwartungen an Verhalten und Äußerlichkeiten – aber nicht zu sehr. Ein Beispiel: Eine nicht-binäre Person, der bei Geburt das Geschlecht „Mann“ zugewiesen wurde, soll sich also nicht zu „männlich“ kleiden und verhalten. Sie soll sich aber auch nicht zu „weiblich“ kleiden und verhalten. Sie soll möglichst „androgyn“ aussehen, also sowohl „männliche“ als auch „weibliche“ Merkmale, Eigenschaften usw. haben.
Außerdem machen manche Personen in Community-Räumen die Erfahrung, dass sie nicht als „richtig“ nicht-binär wahrgenommen werden, wenn sie den Namen verwenden, der ihnen bei Geburt gegeben wurde. Das gleiche kann passieren, wenn sie „er“ oder „sie“ als Pronomen für sich verwenden. Auch hier gibt es also Rollenbilder und Erwartungen, die Druck ausüben können.

Wir finden, nicht-binäre Personen sollten sich nicht beweisen müssen, egal in welchem Raum. Niemand kann von außen sehen, welche Geschlechtsidentität eine Person hat. Sie hängt nicht davon ab, wie sich Menschen kleiden oder welche Interessen sie haben.

Damit nicht-binäre Menschen mit weniger Erwartungen und Zwängen zu tun haben, müssen sich auch die Anforderungen ändern, mit denen Frauen und Männer sich herumschlagen. Mehr dazu könnt ihr hier und hier nachlesen.