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4 wichtige Punkte zur Diskussion über „Frühsexualisierung“:

1. Was ist „Frühsexualisierung“?

Mit „Frühsexualisierung“ ist gemeint: Kinder und Jugendliche würden durch die Beschäftigung mit Sexualität, sexueller und geschlechtlicher Vielfalt im Schulunterricht überfordert. Sie würden in ihrer sexuellen und geschlechtlichen Identität verunsichert und sogar homosexuell gemacht.

Der Begriff ist nicht neu: Zu Zeiten der Aufklärung wurde damit die Selbstbefriedigung von Kindern und Jugendlichen bekämpft. Im Nationalsozialismus wurde er rassistisch verwendet: Es gab damals Ärzt_innen, die der Ansicht waren, Kinder der „nordischen Rasse“ entwickelten sich im Vergleich zu anderen langsamer, deswegen entwickle sich ihre Seele „reicher und tiefer“ und ihre Berufsausbildung sei „gründlicher“. Dieser Prozess dürfe nicht durch „vorzeitige Sexualisierung“ unterbrochen werden (zitiert nach Diskursatlas Antifeminismus). Diese Ansichten waren Teil menschenverachtender, rassistischer Ideologien – menschliche „Rassen“ gibt es nicht! Seit den 1990er Jahren wird mit dem Begriff „Frühsexualisierung“ von rechts-katholischer Seite gegen das Magazin BRAVO Stimmung gemacht. Seit der Diskussion um den „Bildungsplan 2015“ in Baden-Württemberg hört man ihn wieder häufiger.

2. Wer benutzt den Begriff „Frühsexualisierung“?

Laut Bildungsplan sollte die Akzeptanz vielfältiger Lebens- und Liebensweisen fächerübergreifend im Unterricht behandelt werden. Rechtspopulistische und christliche-konservative Vereine wurden 2015 mit einer großen Petition und der sogenannten „Demo für Alle“ dagegen aktiv. Ihr Vorwurf: Die traditionelle Familie und die Ehe zwischen Mann und Frau würden damit abgewertet oder gefährdet. Kinder und Jugendliche würden durch die Thematisierung von sexueller und geschlechtlicher Vielfalt im Unterricht „umerzogen“ und „frühsexualisiert“.

3. Was ist dran an den Vorwürfen?

Der Vorwurf der „Frühsexualisierung“ wird (ähnlich wieder der Begriff „Genderismus“, mehr dazu hier) dazu verwendet, Bemühungen um Gleichstellung und Aufklärung zu verschiedenen Lebens- und Liebensweisen abzuwerten oder lächerlich zu machen.

Kinder und Jugendliche werden nicht schwul, lesbisch oder trans*, weil sie etwas darüber lernen. Niemand kann schwul, lesbisch oder trans* gemacht werden. Für queere Kinder und Jugendliche (und für Kinder und Jugendliche aus Regenbogenfamilien) ist es aber wichtig, dass ihre Lebensrealitäten, ihre Fragen und Probleme thematisiert werden.

Außerdem haben alle Kinder und Jugendlichen ein Recht auf Informationen über unterschiedliche Lebensweisen, ohne dass manche davon als besser oder „normaler“ gelten. Kinder und Jugendliche müssen mit ihren Fragen zu Geschlecht, Sexualität und ähnlichen Themen ernst genommen werden und Unterstützung auf ihrem Weg erhalten, auch wenn dieser nicht den Vorstellungen ihrer Eltern entspricht (mehr zum Thema: Kinderrechte).

Die Ehe zwischen Mann und Frau wird nicht durch die gleichgeschlechtliche Ehe abgewertet. Andere Lebens- und Liebensweisen zu akzeptieren und gegen Diskriminierung einzutreten, bedeutet nicht, die eigene Lebensweise aufgeben zu müssen. Anders ausgedrückt: Gleiche Rechte für andere bedeuten nicht weniger Rechte für dich. Es ist kein Kuchen.

Die „Frühsexualisierungs“-Vorwürfe richten sich oft gegen Pädagogik. Einerseits gegen Sexualpädagogik, andererseits gegen Vielfaltspädagogik. Was hat es damit auf sich?

Wir finden: Die Vorwürfe sind völlig fehl am Platz! Weder Sexualpädagogik noch Pädagogik der Vielfalt haben etwas mit „Frühsexualisierung“ oder „Umerziehung“ zu tun:

Sexualpädagogik

Sexualpädagogik oder Aufklärungsunterricht beschäftigt sich mit Sexualität, Sexualpraktiken, Verhütung, Schwangerschaft, Pubertät, mit eigenen Grenzen und den Grenzen anderer.

  • Sexualpädagogik orientiert sich an den Bedürfnissen und Grenzen der Schüler_innen. Wichtig sind die Fragen und Interessen der Kinder und Jugendlichen.
  • Organisationen, die seit Jahrzehnten zum Thema sexuelle Übergriffe arbeiten, wissen: Sexualpädagogik ist wichtig, um Übergriffe zu verhindern! Kinder und Jugendliche lernen dadurch ihre eigenen und die Grenzen anderer zu achten. Sie lernen Worte, um über Sexualität, Körper und sexuelle Übergriffe zu sprechen. Nur so können sie sagen, wenn ihnen Gewalt angetan wurde.
  • Kinder und Jugendliche werden sehr früh mit Sex konfrontiert: in Pornos, Filmen, Werbung usw. Die sind meistens voller Stereotypen und ziemlich realitätsfern. Um damit einen Umgang zu finden, braucht es einen Ort, um Fragen stellen zu können und auf achtsame Weise etwas über Sexualität zu lernen. Auch darüber, dass man sich nicht für Sex interessieren muss!

Pädagogik der Vielfalt

Vielfaltspädagogik beschäftigt sich mit sexueller Orientierung (Homo-, Hetero-, Bi-, Asexualität usw.) und mit geschlechtlicher Vielfalt (Trans* und Cis, Inter*).

  • Es geht also um Liebe und Begehren, um Familie und Beziehungen, um Coming-out und Diskriminierungserfahrungen. Sexualpraktiken können dabei auch zum Thema werden, stehen aber nicht im Mittelpunkt.
  • Vielfaltspädagogik versucht, verschiedene sexuelle Orientierungen und geschlechtliche Identitäten mitzudenken und zu besprechen. Das ist wichtig für die queeren Kinder, Jugendlichen und Lehrer_innen, die es an allen Schulen gibt (auch wenn niemand von ihnen weiß). Wenn die Lebensweisen, Fragen und Probleme lesbischer, schwuler, bisexueller, trans* und inter* Jugendlicher im Unterricht nicht vorkommen, ist das eine Einschränkung ihres Menschenrechts auf Bildung. Es führt außerdem oft zu Mobbing und Diskriminierung.
  • Vielfältige Pädagogik ist auch wichtig für alle anderen: Wissen über geschlechtliche und sexuelle Vielfalt kann alle Menschen von dem Druck entlasten, ein „richtiger Mann“ oder eine „richtige Frau“ sein zu müssen. Auch heterosexuelle und cisgeschlechtliche Kinder und Jugendliche können besser lernen, wenn sie mit ihren individuellen Interessen und Verhaltensweisen akzeptiert werden und weniger Angst haben, als „unnormal“ zu gelten.

4. Sensible Themen im Unterricht

Es wird schon lange und immer wieder darüber gestritten, ob und wie Themen wie Sexualität, Diskriminierung und sexualisierte Gewalt im Unterricht besprochen werden sollten. Es ist eben nicht leicht, zwischen den Rechten der Eltern, dem Auftrag des Staates und den Bedürfnissen der Kinder und Jugendlichen eine Balance zu finden. Aber die Auseinandersetzung ist wichtig. Sie hilft uns hoffentlich dabei, uns offen und ehrlich über diese wichtigen Themen auszutauschen und eine Gesellschaft zu schaffen, in der alle respektiert werden.

Literatur

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